Mein Leben mit Hochsensibilität

Naturverliebt - ein wunderschöner Herbstbaum auf einer Wiese - die gelb-grüne Farbenpracht ist eine Augenweide für hochsensible Menschen

Rückblickend war die Hochsensibilität (HSP) wahrscheinlich schon immer meine Begleiterin. Auch wenn ich erst seit ca. 10 Jahren einen Namen dafür habe, gibt es so häufig Momente an die ich mich zurückerinnere und die durch die Brille der Hochsensibilität klar zuordenbar sind. 

touchpoint Hochsensibilität 

Es gab vor über 10 Jahren einen Schlüsselmoment, den ich leider nicht mehr klar wiedererleben und somit auch nicht beschreiben kann. Da war eine schwer zu fassende Resonanz mit dem Begriff des 'zu-viel-fühlens', die mir vermutlich die Schockverliebtheit in einen Buchtitel beschert hat. 

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Das Buch "Wenn du zu viel fühlst - wie hochsensible den Alltag meistern"* von Jutta Nebel hat jede Zelle meines Körpers berührt. Vom Cover über jede Seite, jedes Kapitel bis hin zum Inspirieren für alles Weitere, was mir seitdem als HSP begegnet ist. Truly a book which has changed my life!  

intensives fühlen

Die Essenz des Buches ist es, zu vermitteln, dass eine Hochsensibilität kein Defizit, sondern eine Gabe, ein Geschenk ist. Natürlich kommt sie mit Herausforderungen, so wie es jede Andersartigkeit (im höchsten Maße positiv), in diesem Falle Neurodivergenz, tut. Seit ich es gelesen habe, embrace ich mein intensives Fühlen viel mehr, kann es besser einordnen und kann es in Situationen wo es schwer(er) zu integrieren ist, besser erkennen und nutzen, teilweise sogar steuern.

Ich agiere zärtlicher mit mir, thematisiere mein intensives Fühlen - in safe spaces schon sehr früh, in anderen Situationen oder an anderen Orten später aber mit vollem Mut. Es erlaubt mir, tiefe(re) Verbindungen einzugehen und Flow-Momente mit anderen hochsensitiven Menschen zu erleben. Und ich höre mehr auf meine innere Stimme, vertraue meinem Bauchgefühl, nutze die Kraft meines starken Spürens.

empathie ohne aus-schalter

Die größte Herausforderung im täglichen Leben ist für mich, dass ich meine Hochsensibilität nicht abschalten kann, nicht einmal für einen kurzen Moment pausieren kann oder zumindest den Regel etwas herunterdrehen kann.

Solange ich in meiner Kraft bin, ist meine Hochsensibilität ein integrierter, gut funktionierender Teil meiner Persönlichkeit. But if I'm running on low energy oder im Überforderungs-Modus, sind meine Reizfilter auf Dauerfeuer. Besonders schwierig sind daher für mich mittlerweile Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (insbesondere über längere Strecken mit Deutschlandticket) oder das Betreten völlig neuer Räume und Situationen.

Es sind bei beidem weniger die Räumlichkeiten selbst (obwohl Lichtverhältnisse auch einen großen Einfluß haben), sondern viel mehr all die Menschen und ihre (teils sichtbaren, teils unsichtbaren) Energien, Gedanken und Gefühle.

In diesen Momenten wünsche ich mir einen Aus-Schalter, einfach mal die Pause-Taste drücken zu können und etwas der inneren Anspannung loslassen zu können.

HSP AT WORK

Das  Arbeiten im Büro ist ein weiterer Lebensbereich, der mich viel Energie kostet und der mein Spoons-Konto oft relativ schnell lehrt. Ich habe hier insbesondere im vergangenen Jahr Neues ausprobiert, mich mitgeteilt, meine Hochsensibilität nicht mehr versteckt. Die Menschen, mit denen ich am engsten zusammenarbeite, habe ich von meiner Hochsensititivität erzählt und sie daran teilhaben lassen, wie sich das für mich im Arbeitsalltag zeigt und welche Bedürfnisse (special needs) sich daraus ergeben.

Ich bin stolz und erleichtert, diesen Schritt gegangen zu sein und muss dadurch an weniger Stellen maskieren. Es ist noch viel Raum nach oben und in der Arbeitswelt darf noch so viel mehr passieren, um uns (und andere nicht-sichtbare Beeinträchtigungen) mitzudenken. Aber ich habe einen ersten Schritt gewagt - und es ist schön zu sehen, wie verständnisvoll und ermutigend die Reaktionen gewesen sind.

Aus diesen Gründen ist die Möglichkeit des Home Office so wichtig für mich. Es ist essenziell, um im Focus Mode komplexe Arbeiten ausführen zu können, ohne die Störung durch Geräusche, Licht, Kälte oder Wärme oder anderer Unterbrechungen aus dem Umfeld.

gedankenkreise

Eine weitere Sache, die mich täglich begleitet, sind Gedankenkreise. Insbesondere im Arbeitsumfeld ist dann an manchen Tagen sehr erschöpfend, weil ich diese - für gewöhlich - mit mir selbst ausmache. Ich brauche etwas Anlaufzeit, um diese Gedankenspiralen in Worte fassen zu können, um sie auf eine leicht verdauliche Art und Weise teilen zu können. Auch das versuche ich öfter, aktuell hilft mir da ein Coaching im Geschäftsumfeld weiter und gibt mir neue Impulse an die Hand. 

Die Gedankenkreise begleiten mich dauerhaft, im privaten Umfeld fällt es aber oft leichter, darüber zu sprechen. Vertrauensräume und die Menschen, die sie halten ebenso wie weniger Hierarchien oder (soziale und existenzielle) Ängste erleichtern das "raus aus dem Kopf" und "rein ins teilen und zumuten". 

Ich träume sehr intensiv, mittlerweile hat die Anzahl der Träume an die ich mich erinnern kann oder die ich gar steuern kann, stark erhöht. Sicherlich liegt hier auch ein erhöhtes Grundlevel an Stress & Anspannung zugrunde, andererseits lasse ich so mehr Tiefe, Fülle und Intensität in mein Leben, insbesondere seit mein Bewusstsein für meine Hochsensibilität aktiviert wurde.

Beste Coping-Strategie um die Gedankenkreise zu besänftigen: Gedanken notieren, visualisieren, ordnen, nach Wichtigkeit ranken.

rückzug

Rückzug ist die Sehnsucht nach einem Wesenszustand, den die allermeisten HSPler und viele andere neurodivergente Menschen gut nachvollziehen können. Warum ist dieser so wichtig für uns? Wir erleben alles mit einer höheren Reiztiefe, können schlechter abschalten (siehe Aus-Schalter und Gedankenkreise), sind im Dauer-Fühl-Modus, sorgen uns vielleicht einen Tick stärker oder länger (hier der Verweis für alle Young Carer) und sind oft am Limit unserer Energiereserven oder sozialen Batterie. 

Rückzug ist unsere Superpower, um wieder aufzutanken. Um in dieser neurotypischen Welt weiter teilhaben und leben zu können.

naturverliebt

Mit meinen mittlerweile 39 Jahre habe ich ein gutes Gespür dafür, was mich unterstützt, was mir hilft meine Energie zu halten oder was mir innere Ruhe schenkt. Ich habe einige Dinge für mich entdeckt, u.a. Yoga, Meditation (in Form von Klängen), Akupressur* und Journaling).

Am meisten hilft mir die Verbindung zur Natur, und da dies in der Großstadt teilweise schwer zu realisieren ist (oder zumindest nicht in dem Maße, wie ich es brauche), bin ich so dankbar dafür, das Gärtnern wieder für mich entdeckt zu haben. Wann immer ich einen Schritt auf meinen Balkon wage, tauche ich in eine parallele Welt ab. Ich hüpfe von Pflanze zu Pflanze, verbinde mich mit ihr, pflege sie, sauge ihre Schönheit und Einzigartigkeit auf, und vergesse (nahezu) alles um mich herum.

Das sind diese Hier-und-Jetzt-Momente, die mir so viel geben und die in den harten Gewässern der letzten Jahre rar geworden sind. 

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